Sicherheit darf keine Frage der Postleitzahl sein
Innenminister Dr. Jan Redmann im Interview
Herr Minister, Sie waren im Mai bei der Agrargenossenschaft Gräfendorf, die kurz zuvor 70 Rinder verloren hatte. Was ist Ihnen von dem Besuch geblieben?
Die Stimmung vor Ort hat mich damals stark beeindruckt. Ich war dort mit meiner Kollegin Hanka Mittelstädt und mit Henrik Wendorff. Die Landwirte waren wütend. Aber noch stärker als die Wut - so war mein Eindruck - war die Unsicherheit: Kümmert die das eigentlich wirklich? Ich bin mit dem Vorsatz nach Potsdam zurückgefahren, dass die Antwort Ja lauten muss. Und zwar nicht in Worten.
Was bedeutet ein so Diebstahl aus Ihrer Sicht?
Wer Rinder stiehlt, stiehlt nicht einfach Ware. Der stiehlt Jahre der Arbeit und der Aufopferung. Eine Zuchtlinie baut man nicht in einer Saison auf, oft nicht einmal in einer Generation. Dahinter stehen Nächte im Stall bei der Kalbung, Wochenenden ohne Feierabend und eine Verantwortung für Tiere, die keinen Urlaub kennt. Über diese Arbeit wird in Brandenburg zu selten gesprochen, obwohl sie seine Landschaft prägt. Und sie schützt es mit: Viele Landwirte sind in der Freiwilligen Feuerwehr, und wenn der Wald brennt, ziehen sie mit eigenem Gerät Schutzstreifen vor den Dörfern. Dafür sage ich ausdrücklich Danke. Für manchen Betrieb kann ein solcher Verlust existenzbedrohend sein. Und er hinterlässt etwas, das in keiner Schadensbilanz steht: das Gefühl, auf dem eigenen Hof nicht mehr sicher zu sein.
Nach Monaten hat die Polizei jetzt zwei Tatverdächtige festgenommen. Wie ist das gelungen?
Mit Geduld und mit Partnern. Das Landeskriminalamt hat eine eigene Ermittlungsgruppe gebildet, die EG Weide. Acht Kolleginnen und Kollegen haben über Monate Spuren zusammengetragen, Hinweisen nachgespürt und Viehtransporte kontrolliert, gerade nachts und in den frühen Morgenstunden. Dass es zu den Festnahmen kam, verdanken wir auch unseren polnischen Partnern, von der Polizei bis zur Staatsanwaltschaft. Kriminalität endet nicht an der Oder. Gute Ermittlungsarbeit auch nicht. Weil das Verfahren läuft, kann ich zu den Einzelheiten nicht viel mehr sagen. Nur so viel: Ich bin stolz auf diese Arbeit.
Ein Blick in die Zukunft: Kann die Polizei Weiden überhaupt schützen?
Nicht jede, und das habe ich den Landwirten im Mai auch offen gesagt. Es ist unmöglich, jede Koppel in Brandenburg mit einem Streifenwagen zu versehen. Wer etwas anderes verspricht, verspricht zu viel. Aber Sicherheit entsteht nicht nur durch Anwesenheit. Sie entsteht auch dadurch, dass Täter wissen: Wer in Brandenburg zuschlägt, wird gesucht. Ausdauernd und über Grenzen hinweg. Das ist die Botschaft dieser Festnahmen. Dazu kommen Kontrollen auf den Transportrouten, Präventionsberatung auf den Höfen und ein enges Netz aus Polizei, Veterinärämtern, Jägern und Landwirten. Die besten Augen auf dem Land haben die, die dort leben und arbeiten.
Was lernen Sie aus diesem Fall und den anschließenden Ermittlungen?
Vor allem eines: Sicherheit darf keine Frage der Postleitzahl sein. Wer in einem Dorf in der Lausitz lebt, hat denselben Anspruch auf einen funktionierenden Staat wie jemand in Potsdam. Das heißt nicht Streifenwagen an jeder Ecke. Es heißt: Wenn etwas passiert, wird ermittelt. Mit vollem Einsatz und so lange, bis es Ergebnisse gibt. Dazu gehört, dass der Staat dort mithält, wo Kriminelle längst angekommen sind. Banden planen über Grenzen hinweg, also muss unsere Polizei mit ihren Nachbarn so eng zusammenarbeiten, dass Täter nirgends mehr sicher sind. Das bauen wir weiter aus. Und schließlich: Vertrauen in den Staat entsteht nicht durch Ankündigungen. Es entsteht, wenn Menschen erleben, dass gehandelt wird. In Gräfendorf stand im Mai die Frage im Raum, ob sich jemand kümmert. Die Festnahmen im September sind ein Teil der Antwort. Der Staat lässt das Land nicht allein. Daran werden wir uns messen lassen, nicht nur wenn es um Rinder geht.