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Kommentar zur Studie Biomasserückgang bei fliegenden Insekten

Eichenprozessionsspinner, Miniermotten, Rapsglanzkäfer und Mückenplagen – Schnee von gestern: Eine wissenschaftliche Studie kommt nach Auswertung von Daten des Krefelder Entomologischen Vereins zu dem Schluss, dass die Biomasse der fliegenden Insekten seit 1989 um 75 % zurückgegangen ist.

Auf die möglichen Ursachen für den festgestellten Biomasserückgang der fliegenden Insekten wird durch die Autoren der Studie ausdrücklich nicht eingegangen. Es heißt lediglich, die Ursachen müssten wohl großflächig wirksam sein und in Frage kämen Landnutzungsänderungen, Verkehr, Klima und auch die Landwirtschaft.

Wie ist man zu dem Ergebnis gekommen? Man hat Fänge aus Fallen ausgewertet, überwiegend von Standorten in Nordrhein Westfalen (57), einer befand in Rheinland Pfalz und immerhin 5 in Brandenburg.

Jeder nimmt nun an, dass diese Fallen jedes Jahr, alle 2, 4 oder auch 5 Jahre aufgestellt wurden und dadurch Zeitreihen entstanden sind. Denkste!
Stattdessen wurden 37 der Standorte nur in einem Jahr untersucht, 20 in 2 Jahren, 5 in 3 Jahren und lediglich ein Standort in 4 Jahren. Auch bei den Brandenburger Standorten handelt es sich um Einzelmessungen aus den Jahren 1991 – 1994.

Somit wurden sehr unterschiedliche Standorte miteinander verglichen – Datenreihen konnten so nicht entstehen. Ein Vergleich 1989 und 2016 zeigt erhebliche Unterschiede. 1989 lagen die acht Messstellen überwiegend an oder in der Nähe von Bächen mit dort typischer Vegetation. 2016 hingegen lag eine Messstelle zwischen Rhein und einem Industriehafen, zwei in der Köln-Aachener Bucht (einer der intensivsten Agrarlandschaften), eine in einer Heidelandschaft, zwei in einer eher trockenen Waldlandschaft und einer in einer Wald-Heide an einem Industriegebiet. Eigentlich logisch, dass die Insekten-Biomassen unterschiedlich ausfallen, wenn man Ergebnisse von eher trockenen Wald-, Industrie-, und Intensivacker-Messstellen (2016) mit denen von Feuchtgebieten (1989) vergleicht.

Eine weitere Frage, neben der sehr selektiven und nicht repräsentativen Standortauswahl ist, ob man von 63 relativ willkürlich gewählten Standorten Rückschlüsse auf Deutschland ziehen kann. Das Untersuchungsgebiet nimmt schließlich nur rund 0,000035% der Fläche ein.

Ob dieses Vorgehen wissenschaftlich belastbar ist und Rückschlüsse zulässt?

Aussagekräftiger scheint da eine britische Langzeitstudie mit 30-jährigen Versuchsreihen. Die Briten kamen 2009 an einem ihrer Standorte zu ähnlichen Ergebnissen wie die Krefelder, an den drei anderen gab es jedoch keinen Rückgang der Biomasse.

Unabhängig von dem wissenschaftlichen/statistischen Wert und den Aussagen, dass mehrere Ursachen für den Rückgang in Frage kommen könnten, stand natürlich für zahlreiche Organisationen sofort fest: „Die Landwirtschaft ist schuld“. Ob dies in der Studie so gesagt wird oder nicht – egal! Hier ist doch eine sehr verkürzte Betrachtungsweise zu erkennen. Wenn man etwas verbessern will, sollte man doch die Ursachen kennen um am effektivsten Gegensteuern zu können – so zumindest mein Verständnis.

Sicher dürfte aber trotz allem sein (zumindest die subjektive Wahrnehmung betreffend), dass die Insektenzahlen (Biomasse) in den vergangenen Jahrzehnten zurückging und ein Einfluss der Landwirtschaft nicht auszuschließen ist – Auswahl der Standorte und angewandte Methoden hin oder her.

Schön wäre es, wenn man verlässlichere Daten hätte und die Einflüsse quantifizieren könnte, denn nur dann lassen sich wirksame Gegenmaßnahmen einleiten. Vielleicht hilft es aber auch schon, mal wieder über die Feldrandlagerung von Mist nachzudenken, diesmal nicht unter dem Aspekt Grundwasserschutz sondern Schutz der Insekten.

Übrigens, sämtliche Untersuchungen fanden in Schutzgebieten statt. Die Frage, ob dort alles „richtig läuft“, wurde und wird von keiner der „Die Landwirtschaft ist schuld“-Gruppierungen gestellt.

Zur Studie: http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0185809